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Kunst nach der Shoah + Betreten auf eigene Gefahr
90. Geburtstag

KUNST NACH DER SHOAH | LURIE UND VOSTELL IN DEN HAAG | Auf dem Flachwagen eines Güterzugs | von Georg Imdahl | Frankfurter Allgemeine am 27.03.2022 | Die Ausstellung „Kunst nach Auschwitz“ führt erstmals Werke von Boris Lurie und Wolf Vostell zusammen - und zeigt, dass das Werk der befreundeten Künstler immer noch alle Moral in Zweifel stellt.

Eine Besucherschlange hat sich am Eingang des Kunstmuseums Den Haag gebildet, wie sich das traditionsreiche Gemeentemuseum seit einiger Zeit nennt, Zugnummer sind die Plakate und Illustrationen des Jugendstilkünstlers Alfons Mucha aus der Zeit des Fin de Siècle. Dessen Werkschau ist denn auch überlaufen. Gut besucht ist aber auch eine andere Ausstellung im Haus, sie hat das Gegenteil von ornamentaler, verspielter Schönheit zu bieten: „Boris Lurie & Wolf Vostell – Kunst nach Auschwitz“.

Es sind Bilder, Collagen und Objekte, die dem Publikum einiges zumuten, sie stellen Gewalt und Pornographie dar, verführen zu einem Voyeurismus, den sie zugleich brüsk zurückweisen und als pervers demaskieren, sind Ausdruck einer aufklärerischen Obsession, die einer versöhnlichen Läuterung den Weg abschneidet. Man möchte weder hinschauen noch wegschauen. So lassen die verstörenden Werke ihre Betrachter, darunter viele Jugendliche, in einer Verhaltenheit zurück, die mit Händen zu greifen ist.

Lurie und Vostell, beide jüdischer Herkunft, verband seit den frühen Sechzigerjahren eine lange Freundschaft, die Doppelausstellung führt sie erstmals mit Briefen und Fotos zusammen, vor allem aber mit ihren Werken, die sich inhaltlich und formal ergänzen; in beider Œuvre radikalisiert sich noch einmal die politische Collage, wie sie aus der Weimarer Republik von Hannah Höch, Raoul Hausmann und John Heartfield bekannt ist. Wer 2016 Luries Retrospektive im Jüdischen Museum in Berlin gesehen hat, wird die Schockwirkung dieser Bilder nicht vergessen haben – namentlich die Arbeiten, in denen Lurie Fotografien von aufgetürmten Leichen aus befreiten Konzentrationslagern mit entkleideten Frauen in lasziven Posen aus erotischen Magazinen zusammenzwingt, in einem Fall auch noch ein Firmenlogo für Haarwaschmittel hinzufügt. Man wird nicht fertig mit diesen Werken, ihre Wucht trifft einen auch dann, wenn man darauf vorbereitet ist.

Die „gebrochene Weiblichkeit“

Eine Aufnahme mit Ermordeten auf dem Flachwagen eines Güterzugs versieht Lurie 1962 mit einem makabren Titel: „Flatcar, Assemblage, 1945 by Adolf Hitler“. In Riga hatte Lurie im Winter des Jahres 1941 erlebt, wie die Wehrmacht bei Massenerschießungen im Wald von Rumbula seine Mutter, eine seiner beiden Schwestern, seine Großmutter und seine glühende Jugendliebe Ljuba hingerichtet hatte. Danach überlebte er mit dem Vater die Haft in den Arbeitslagern Lenta und Salaspils (beide bei Riga) und den Konzentrationslagern Stutthof und Buchenwald. Mit seiner Kunst zielte der 1924 in Leningrad geborene Künstler, nachdem er 1946 nach New York ausgewandert war, frontal auf die westliche Gesellschaft, ihren Kunstbetrieb, ihre Verdrängung und Selbstbetäubung durch Konsum.

Ausführlicher als in Berlin zeigt die Haager Werkschau Luries Bilder von Frauen aus den Fünfzigerjahren, die geknebelt, deformiert, wenn nicht gar zerstückelt ins Bild gesetzt sind – sie entstanden zur selben Zeit wie Willem de Koonings umstrittene „Women“, allerdings nicht in einem bewunderten „Grand Style“, sondern stilistisch sprunghaft, mal linear, dann malerisch akzentuiert, bisweilen wie Pop-Art avant la lettre oder an Francis Bacon orientiert. In einem couragierten Katalogessay begründet die Kunsthistorikerin Katharina Sykora diese „gebrochene Weiblichkeit“ als „Gegenbild einer herkömmlichen Ästhetik des Schönen“, die in „Störfaktoren einer beruhigten, saturierten, sich in Sicherheit und Macht wiegenden, patriarchalen Nachkriegsgesellschaft“ umgewandelt werde. Da vor allem die Fotos aus Magazinen damals noch nicht frei zirkulierten (wie heute im Internet), forderte Lurie nicht nur das Publikum heraus, sondern auch die Institutionen, die so etwas hätten zeigen sollen.

Joseph Beuys wird unterschätzt

Lurie hatte Wolf Vostell 1964 bei dessen Happening „You“ auf Long Island kennengelernt, bei dem Rauchbomben gezündet und Gasmasken verteilt wurden, eine Aktion, die dem Künstler Al Hansen das Gefühl vermittelte, er sei „zu einem Besuch in ein KZ eingeladen“ worden. Der 1932 in Leverkusen geborene Vostell war 1939 mit den Eltern ins Sudetenland geflohen, bevor die Familie nach dem Krieg ins Rheinland zurückkehrte. Seine jüdische Herkunft trug der Künstler mit seinen Schläfenlocken offen zur Schau, provozierte damit, eckte wohl auch an. Im Vergleich mit Joseph Beuys ist sein Werk bis heute unterschätzt. Seine Arbeiten behaupten sich erstaunlich gut neben jenen Luries.

Erstmals ausgestellt ist ein im Nachlass aufgetauchtes Künstlerbuch namens „Nein“, mit dem Vostell zweifellos auf Luries Maxime seiner „No!art“ reagiert hat. In einem schwer erträglichen Kaleidoskop fächert Vostell Aufnahmen einer globalen Brutalität auf, deren Exzesse wahllos alle treffen können, so auch eine größere Gruppe entkleideter Frauen, die ihrer Ermordung in Treblinka direkt ins Auge sehen. Vostells Appell gegen Kolonialismus, Militarismus, Rassismus ist heute nicht weniger aktuell als zu seiner Entstehungszeit. Sein künstlerischer Furor richtet sich auch gegen das damals noch relativ neue Massenmedium Fernsehen; er beschmiert TV-Geräte mit Betonklumpen, die sich wie Geschwüre auf die Mattscheibe legen, verleiht der Fluxus-Kunst dergestalt eine politische Stoßrichtung und polemisiert gegen eine verflachende Bewusstseinsindustrie.

Plakative Kunst zeigt Wirkung

In großen Formaten greift Vostell Skandale der Bundeswehr auf (in der junge Re­kruten durch Zuchtmaßnahmen ihrer Vorgesetzten zu Tode kommen) und markiert sie mit den Flaggenfarben Schwarz, Rot, Gold und Weiß, um eine Kontinuität vom Deutschen Reich zur Bundesrepublik zu behaupten. 1970 baut Vostell in einem raumgreifenden Environment gar ein düsteres, mit Besteck ausgelegtes KZ, das dämonisch funkelt und von den Besuchern der Ausstellung betreten werden soll. In einer denkwürdigen zeitgeschichtlichen Pointe bezog Vostell dann 1984 in Westberlin Quartier ausgerechnet im ehemaligen Atelier des NS-Bildhauers Arno Breker.

Die Ausstellung bekräftigt moralische Imperative mit künstlerischen Bildern, die alle Moral radikal in Zweifel ziehen. In ihr gibt es kein Abbildungstabu, wie es Claude Lanzmann es sich in seinem Jahrhundertwerk „Shoah“ von 1985 auferlegen sollte. In dem neunstündigen Filmepos befragte der französische Regisseur Überlebende nach ihren Erinnerungen, versagte sich aber den Gebrauch zeithistorischen Bildmaterials. Dagegen bekundet die Werkschau der Künstlerfreunde lange nach ihrem Tod – Lurie starb 2008, Vostell bereits 1998 –, dass Kunst mit historischer Tiefenschärfe auch plakativ auftreten kann, um Wirkung zu erzielen.

Boris Lurie & Wolf Vostell – Kunst nach Auschwitz. Kunstmuseum Den Haag; bis 29. Mai. Anschließend im Kunsthaus Dahlem, Berlin, im Ludwig Forum Koblenz und im Ludwig Museum Budapest. Der Katalog erscheint im April im Hatje Cantz Verlag.

LESERMEINUNGEN | Edelbert Hackenberg | 29.03.2022 | Wenn alle Schranken fallen - gnadenlose Vermarktung des Massenmordes an den Juden. Was würden die Ermordeten dazu sagen wenn sie sehen würden wie ihre von den NAZI's in erniedrigenden Posen erzwungenen Photos heutzutage, mit vermeintlicher Kunst ergänzt, der Öffentlichkeit präsentiert werden?
Quelle: F.A.Z. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/lurie-und-vorstell-in-der-ausstellung-kunst-nach-auschwitz-17913814.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Wolf Vostell und Boris Lurie im Kunsthaus Dahlem: Betreten auf eigene Gefahr | Gewalt und Konsum: Eine Berliner Ausstellung zeigt die wütende Aufarbeitung der Shoah durch die Künstlerfreunde Wolf Vostell und Boris Lurie. | Von Gunda Bartels | Tagesspiegel, Berlin am 26.07.2022 | Metallenes Knirschen, piksiges Rascheln? Wie soll man die grellen Geräusche beschreiben, die entstehen, wenn man durch Wolf Vostells Installation „Thermo-Elektronischer Kaugummi“ geht. Vom Kaugummi, dessen Schmatzgeräusche mittels eines an die Wange geklebten Mikrosensors in den Lautsprecher eines mitzunehmenden Koffers übertragen werden, gar nicht zu reden.

Der Raum ist düster, draußen hängt ein Schild „Betreten auf eigene Gefahr“. Stacheldrahtzäune links und rechts lassen KZ-Assoziationen aufkommen. Das gruselige Gefühl, auf 13 000 Löffeln und Gabeln zu gehen, wird vom „Juici Fruit“-Gummi konterkariert, das als Symbol einer alles banalisierenden kapitalistischen Lebensweise fungiert. Ja, es sind Analogien der Siebzigerjahre, mit denen der Künstler hier arbeitet. Trotzdem hat die Installation absolut nichts von ihrer dreisten Wucht verloren. Im Gegenteil: Die Bilder von Gewalt und Tod wirken tragisch aktuell, auch wenn der Krieg in der Ukraine täglich andere liefert.

Schocktherapie, aber künstlerisch

Es ist eine künstlerische Schocktherapie, die das Kunsthaus Dahlem in der Ausstellung „Kunst nach der Shoah. Wolf Vostell im Dialog mit Boris Luri“", den Besucher:innen verordnet, die auch am Eingang vor „verstörenden Bildern“ gewarnt werden. Vor Aufnahmen von halb verhungerten Konzentrationslager-Häftlingen und Leichen nämlich, die die Künstlerfreunde Vostell und Lurie immer wieder in ihre wütende Aufarbeitung des Holocaust einweben.

Wolf Vostell, geboren 1932 und Mitgründer der Fluxus-Bewegung, gehört zu den bedeutenden deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Boris Lurie wird 1924 in Leningrad geboren, wächst in Riga auf und erlebt als Jude die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie am eigenen Leib.

Die Frauen seiner Familie werden ermordet, der Vater und er ins Konzentrationslager verschleppt und 1945 befreit. Lurie wandert nach New York aus, wo er 1959 die NO!art-Bewegung ins Leben ruft und bis zu seinem Tod 2008 als Künstler und Autor lebt.

Gegen den arrivierten Kunstbetrieb, gegen die Selbstgefälligkeit der Konsumgesellschaft und vor allem: gegen das Vergessen. Mit diesen Stoßrichtungen sind Lurie und Vostell Brüder im Geiste. Vostell wirkte mit seinen Skulpturen, Objektkästen, Gemälden, Collagen und Happenings zeitlebens als Stachel im Fleisch der Bundesrepublik. Legendär ist der Sturm der Entrüstung, der sich 1987 in Berlin gegen seine einbetonierten Cadillacs am Rathenauplatz erhebt.

Als Vostell und Lurie sich 1964 bei einem Happening kennenlernen, funkt es sofort. Und ein fruchtbarer, auch in 94 Briefen dokumentierter künstlerischer Austausch beginnt. Das erzählt Dorothea Schöne, die Leiterin des Kunsthauses Dahlem. Schöne hat die Ausstellung auch als Hommage im Vorfeld des 90. Geburtstages des 1998 verstorbenen Vostells initiiert, der sich im Oktober jährt.

Dass Hakenkreuze und Judensterne, die Boris Lurie in seinen Collagen und Objekten aggressiv in Szene setzt, ausgerechnet hier, im ehemaligen Atelierhaus des NS-Bildhauers Arno Breker als eine Art Anti-Propaganda der zerstörerischen NS-Ideologie prangen, zieht der eindrücklichen Schau noch einen doppelten Boden ein.

Schon, dass die Stadt Berlin Wolf Vostell die heute als Café genutzte hohe Halle 1984 als Atelier auf Lebenszeit überträgt, gleicht einer Art Geisteraustreibung. Genauso wirkt nun die Bandbreite seiner Bildhauerarbeiten und Gemälde, die am ehemaligen Ort ihres Entstehens zu sehen ist.

Betonpfeiler stürzt auf ein Gewirr aus Leibern

Das sieben Meter lange Triptychon „Shoah 1492 - 1945“, das zugleich den einst aus Spanien vertriebenen Juden wie den vom NS-Regime Ermordeten gewidmet ist, ist der zentrale Hingucker. Vostell, der auch in Spanien, in Malpartida de Cáceres lebte, lässt auf dem 1997 entstandenen Gemälde einen Betonpfeiler auf ein abstraktes Gewirr von Leibern stürzen. Trotz der Wucht von Symbolik, Farben und Formen erinnert die Arbeit recht deutlich an Picasso. Da nehmen sich Vostells Objekte, in die der Pionier der Videokunst auch Fernseher einbaute, viel eigenständiger aus.

Die beschränkte Halbwertzeit der Technik erweist sich allerdings als konservatorische Herausforderung, wie Dorothea Schöne sagt. Die Objektkästen mit den Minifernsehern, die ursprünglich aktuelle Nachrichten mit Abbildungen der Neuen Reichskanzlei oder einer zerbombten Stadt als Kontinuum menschlicher Gewalttätigkeit verknüpften, haben eine Dimension eingebüßt, weil die Dinger nicht mehr laufen. Da erweisen sich die mit Übermalungen von Zeitungsausschnitten arbeitenden Bilder „Stalingrad“ und „8. Mai 1945“ als zeitloser.

Anders als der Kollege Vostell arbeitet Boris Lurie nicht mit Abstraktionen, sondern kombiniert in seinen Collagen eins zu eins Aufnahmen von Pin-up-Girls der Sechziger mit KZ-Bildern. In beiden Fotografien, die Menschen zu Objekten degradieren, manifestieren sich nach seiner Überzeugung unmenschliche Systeme. Dass die nicht Geschichte sind, sondern fortbestehen, ist eine Überzeugung, die er mit Wolf Vostell teilt.

Nur dass sich der Jude Lurie mit dem heißen Herzen des Betroffenen über die Banalisierung der Shoah empört. Inklusive des beißenden Witzes, der ihn „From a happening, 1945 – by Adolf Hitler“ unter das Bild eines halb nackten, klapperdürren KZ-Häftlings schreiben lässt. So krass sieht es aus, wenn zwei Künstler sich nach dem Zivilisationsbruch des millionenfachen Mordes weigern, einfach zur Tagesordnung zurückzukehren.

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Eine Werkschau zum 90. Geburtstag von Wolf Vostell im Museum Morsbroich, Leverkusen | 16.09.2022 – 05.2023 | „Die Menschenrechte sind Kunstwerke! Den Kopf eines Kindes zu streicheln ist genauso ein Kunstwerk wie 3 Striche auf Papier!“ Diesen Satz notierte Wolf Vostell handschriftlich auf seine Arbeit „Fluxus Zug“ (1982), die zurzeit im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen ist. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit reflektierte und reagierte Wolf Vostell (1932-1998) in seinem vielschichtigen Werk unvermittelt auf das aktuelle Weltgeschehen, thematisierte soziale Missstände und setzte sich gegen das Verdrängen und Vergessen des Krieges ein. Im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens stand stets der Mensch und dessen Fähigkeit bewusst zu Handeln.

„Jeder Mensch ist ein Kunstwerk“, so die pointierte Reaktion Vostells auf die Beuys’sche Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Mit dem Blick von heute und angesichts der gegenwärtigen Kriegsereignisse ein nach wie vor aktueller Aufruf zu einem reflektierten Handeln an uns alle.

Am 14. Oktober dieses Jahres wäre Vostell neunzig Jahre alt geworden. Neben Rosemarie Trockel und Thomas Grünfeld zählt er zu den bedeutendsten Künstlern, die in Leverkusen geboren wurden. Aus diesem Anlass widmet ihm das Museum Morsbroich im Rahmen des Projekts »22/23: spielzeit« eine konzentrierte Werkschau mit Arbeiten aus der Sammlung des Museums. Sie spiegeln die Komplexität seines Oeuvres wider und lassen die Intensität spürbar werden, mit der sich Vostell seit den späten 1950er-Jahren in den unterschiedlichsten Medien wie Happenings, Environments oder Objektassemblagen kritisch mit gesellschaftsrelevanten Fragen und der substantiell zukunftsgefährdenden Realität des Krieges auseinandersetzte.

Zum Inbegriff seines Kunstschaffens wurde für ihn hierbei der Begriff der „Décollage“ (franz. loslösen, abtrennen). Dabei ist die Handlung, das Décollagieren, nicht nur als bloßer physischer Akt des (Plakat-)Abreißens zu verstehen, sondern ebenso als prozesshaftes Freilegen verborgener Bedeutungsebenen und mentaler Schichten. Die aktive Beteiligung des Menschen ist dabei immer Voraussetzung und essentieller Bestandteil seiner Kunst.

Neben frühen Dé-coll/agen, Zeichnungen, Objektkästen, Multiples und Editionen u.a., die auf Vostells Pionierleistung für die Aktionskunst und das Happening verweisen, zeigt das Museum Morsbroich noch bis Mai 2023 im monatlichen Wechsel große Teile seines filmischen Werks (s. Filmprogramm). Zu sehen sind in der Filmkammer des Museums unter anderem Videoarbeiten zu Vostells Aktionen und Environments sowie frühe, künstlerische Décoll/age Video-Filme (1963–71) wie auch Vostells erster Film Sun in your head (1963), der das Prinzip der Dé-coll/age auf die Form der Montage bezieht und als erste künstlerische Arbeit überhaupt gilt, die aufgezeichnete Bewegtbilder aus dem Fernsehen verwendet.

Mit der Werkschau zum 90. Geburtstag knüpft das Museum Morsbroich zugleich an seine eigene Ausstellungshistorie an: Bereits in den späten 1960er-Jahren präsentierte das Museum Vostell in zwei Gruppenausstellungen (13 deutsche Maler, 1968; Räume und environments, 1969), 1992 folgte eine umfassende Werkschau zu seiner Malerei (Vostell. Das malerische Werk) und 2010 wurde die große Überblicksschau seiner Happenings realisiert (Das Theater ist auf der Straße. Die Happenings von Wolf Vostell)

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