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Jochen Gerz | NO!art involvement  
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Nationen sind ein bisschen eng

Konzeptkünstler Jochen Gerz über das gemeinsame Empfinden der Europäer

Moderation: Matthias Hanselmann

Deutschlandfunk Kultur am 21.05.2014

Wenn er sich nicht als Europäer fühlen könnte, hätte er nichts, sagt der in Berlin geborene Konzeptkünstler Jochen Gerz. Zurzeit lebt er in Irland – in einem Dorf, das wegen der Wirtschaftskrise verwahrlost ist.

Matthias Hanselmann: Jochen Gerz, geboren 1940, beschäftigt sich in seinen Werken seit vielen Jahren mit Europa, seien es Denkmäler, die er schuf oder Installationen und langfristig angelegte Kunstaktionen wie der „Platz des europäischen Versprechens“ in Bochum, oder der größte Kunstauftrag, den es in Irland je gegeben hat mit dem Titel „Amaptocare“, Dublin 2004 bis 2013, dort sind die Einwohner des verarmten Stadtteils Ballymun eingeladen, Bäume für den öffentlichen Raum zu spenden, über 600 Bäume sind der Stadt von ihren Bewohnern schon jetzt geschenkt worden. Jochen Gerz lebt selbst seit sechs Jahren in Irland in einem kleinen Dorf im Südwesten namens Sneem. Auf den ersten Blick ist Sneem ein idyllischer Touristenort am Meer, aber es gibt auch hier, wie anderswo in Irland, regelrechte Geistersiedlungen. Ich habe Jochen Gerz gefragt, worum es sich bei diesen Gebäuden handelt und warum er sich mit einer weiteren Kunstaktion um sie kümmert.

Jochen Gerz: Es handelt sich um Siedlungen, letztlich 2000 Siedlungen gibt es, die nach dem Einbruch der Krise, nach dem Ende des Keltischen Tigers verwahrlost sind, keine Mieter fanden und die nicht zu Ende gebaut wurden und die die irische Landschaft auch verschandeln. Und eine davon ist in dem Dorf, und das ist in Sneem, und das war der Ausgangspunkt von unserer ersten Arbeit hier. Das führte dazu dann, dass diese Siedlung als erste Geistersiedlung in Irland überhaupt, als leerstehende Siedlung verkauft werden konnte, und die Arbeiten sind jetzt noch dran, die wieder zu Ende zu bauen und nach Mietern zu suchen. Also insofern hat die Kunst etwas sehr Seltenes geschafft, nämlich in der Wirklichkeit und in der Wirtschaft etwas zu provozieren, etwas geschehen zu lassen, was sonst nicht stattgefunden wäre.

Hanselmann: Der Celtic Tiger steht oder stand also für den wirtschaftlichen Aufbruch. Deswegen die Frage: Where has the tiger gone? Was haben Sie denn ganz konkret gemacht in diesem Ort? „Da sind die Kinder einfach sehr darauf angesprungen“

Gerz: Ich bin zum Nachbarort gegangen, der größer ist, und ich habe dort mit den Schülern in der Schule, 13- bis 16-, 17-jährige Schüler, gesprochen und ich habe ihnen davon eben erzählt, dass ich in den Fenstern dieser leerstehenden Häuser, dass ich da große Bilder von ihnen rein setzen wollte und dass diese Bilder einfach Antwort geben: Wo ist der Tiger jetzt? Wo ist er hingegangen? Versteckt er sich, guckt er Fernsehen oder ist er, wie die reichen Banker, ins Ausland gegangen? Und da sind die Kinder einfach sehr darauf angesprungen. Und das, was man mit den Erwachsenen nicht so einfach hätte diskutieren können wie eine Vergangenheit, die so auch ein bisschen kompliziert ist für die Menschen, weil eben so viel auch verloren wurde und so viel Not auch durch das Ende des Tigers geschaffen wurde in der Finanzkrise. Also, dieses führte dann dazu, dass die Kinder sehr weniger kompliziert und ohne Tabus ein Thema aufgegriffen haben, was die Erwachsenen eigentlich gerne umgangen hätten.

Hanselmann: Die Erwachsenen selbst haben Sie auch befragt für ein Fotoprojekt mit dem Titel „Here in Paradise“, die Bürger von Sneem nämlich. Was ist dabei herausgekommen, was haben sie Ihnen erzählt? Gerz: Die zweite Arbeit, da habe ich eben die Kinder nicht mehr fragen wollen, sondern ich habe das als Vorbereitung genommen in der zweiten Arbeit, die Erwachsenen selbst zu befragen. Und das Ergebnis ist, dass 40, also ein Viertel der Bewohner des Ortes mitmachen und drei Fragen gestellt bekommen. Ich habe mich mit jedem Einzelnen hingesetzt und habe die drei Fragen erzählt. Die erste ist: Wenn Sie einen freien Wunsch hätten wie in einem Märchen, was würden Sie wünschen für diese Geistersiedlung, was würden Sie gerne als neue Mieter und als neue Bewohner im Dorf sehen in dieser Geistersiedlung? Oder würden Sie am liebsten das aufräumen und verschwinden lassen? Und das Zweite war: Was würden Sie, wenn Sie einen freien Wunsch hätten für Irland, wünschen, also für die Zukunft von Irland? Und die dritte Frage war: Was würden Sie wünschen, wenn Sie einen freien Wunsch hätten, für Europa?

Hanselmann: Welchen Tenor gab es bei den Antworten? „Irland ist ja ein geteiltes Land“ Gerz: Viele und mehr der 40 haben nicht nur über das Lokale gesprochen und drüber sprechen wollen, sondern haben sich auch an die nationale Frage, also an Irland … Irland ist ja ein geteiltes Land, und diese Frage wurde also sehr schön diskutiert, und aber auch die Frage nach Europa, also zum Teil, dass die Menschen sagen, ich würde gerne mehr davon wissen, ich habe leider keine Geschichte studiert, alles, was ich selbst erlebt habe auf dem Kontinent und in Europa, war eigentlich eine Bereicherung für mich, und so weiter. Also die drei Fragen sind eigentlich fast gleich oft beantwortet worden.

Hanselmann: Das ist ja, wenn man die jüngere Geschichte von Irland betrachtet, wenn man diesen wirtschaftlichen rasanten Aufstieg und dann auch wieder den Crash sich anschaut, doch erstaunlich, dass die Menschen dann sich zu Europa allgemein noch so positiv äußern, oder?

Gerz: Ja, und vor allen Dingen auch, dass sie diesen Crash sich selbst zuschreiben, also dass sie durchaus sagen, wir waren von der Rolle, wir waren nicht mehr wir selbst, zum Glück ist dieser Tiger weg. Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das „Radiofeuilleton“, ich spreche mit dem renommierten Konzeptionskünstler Jochen Gerz, der seit sechs Jahren in Irland lebt, über seinen neuen Lebensort, die Menschen dort und ihr Verhältnis zu Europa. Herr Gerz, Sie haben viele Arbeiten zum Thema erinnern oder Erinnerung geschaffen, das Mahnmal gegen Faschismus in Hamburg Mitte der Achtziger, die Arbeit „2146 Steine. Mahnmal gegen Rassismus“, der „Platz des europäischen Versprechens“ in Bochum sind nur einige davon. Sie haben in vielen europäischen Ländern gearbeitet, sind jetzt in Irland. Wie ist es mit Ihnen, fühlen Sie sich als Europäer?

Gerz: Ja, sonst hätte ich gar nichts, wenn ich mich nicht als Europäer fühlen könnte, dann wäre ich einfach, früher sagte man staatenlos oder ohne Land oder, na ja, emigriert, aber dann wäre einfach … Das Gewicht meiner Vergangenheit einfach wäre … würde einfach heißen, dass ich etwas verloren habe, und nicht heißen, dass ich etwas gewonnen habe. Und das, was ich gewonnen habe, das ist natürlich etwas, was ich gerne auch vermittle, und ich finde, die Kunst ist einerseits eine Sache, die unwichtig genug ist, und andererseits eben aber auch etwas, was ein bisschen subversiv ins Bewusstsein hineinspielen kann und auch ins Unterbewusstsein, sodass da also Möglichkeiten bestehen, dass die Nachricht ankommt.

Hanselmann: Wenn Sie sagen, Sie haben etwas gewonnen durch Europa und Sie wollen anderen Menschen davon erzählen, was erzählen Sie ihnen denn, was haben Sie denn gewonnen? „Europa ist ein schöner Name für etwas, was über einen hinausgeht“

Gerz: Man muss das sehen im Verhältnis zu dem, was ich erlebt habe als Kind, das ist meistens für die Menschen sehr wichtig, die Kindheit. Also ich habe den Krieg erlebt, den Zweiten Weltkrieg, und ich kann nur sagen, das war keine Zeit, die man sich zurückwünscht, und die Zerstörungen, das Leid, die Schmerzen, die Unsicherheit, die Gefahr. Und das ist einerseits eben die Routine der Nationen gewesen in Europa, dass man also alle 50 Jahre einen Krieg hatte, und es gab immer gute Gründe für Kriege und es ging manchmal ganz schnell, einen neuen zu entfachen. Gut, und jetzt ist einfach so ein bisschen anstatt der Verschiedenheit der Orte, der Verschiedenheit der Interessen, der Geschichten, der kontroversen Geschichten zwischen den Nationen ist einfach eine Gemeinsamkeit des Ortes und eine Gemeinsamkeit unserer Zeit, dass man diese Zeit als eine gemeinsame Aufgabe und ein gemeinsames Erlebnis, ein gemeinsames Bewusstsein erlebt, und natürlich eben auch unter dem Strich etwas, was man früher die gemeinsamen Werte genannt hat, also dass man sich kümmert, dass man ein gemeinsames Empfinden entwickelt. Das ist ja auch eigentlich Europa, und es ist ein schöner Name für etwas, was über einen hinausgeht. Und ich finde einfach, die Nationen sind ein bisschen eng.

Hanselmann: Vielen Menschen macht aber ein so großes Gebilde wie Europa auch Angst, vor allem fürchten sie, dass sie dadurch ihre regionalen Eigenheiten, ihre kulturellen Besonderheiten verlieren könnten. Haben Sie dafür Verständnis?

Gerz: Ich kann nur von mir sagen, dass ich nicht glaube, dass ich meine Kindheit verloren habe oder mein Deutschsein verloren habe deshalb, weil ich 40 Jahre in Frankreich gelebt habe. Ich glaube nicht, dass die Erlebnisse, in der Schweiz gelebt zu haben, mein Erlebnis, in England gelebt zu haben platt gemacht hat, also quasi verhindert hat, … Und ich glaube, die Angst ist eigentlich ein Zeichen von der Sesshaftigkeit. Ich glaube, dass man in der Bewegung und in dem Risiko der Veränderung man einfach angstfreier wird und an was anderes denkt.

Hanselmann: Herr Gerz, letzte Frage bitte mit der Bitte um eine kurze Antwort, und die muss kommen: Gehen Sie am 25. Mai zur Europawahl?

Gerz: Ja.

Hanselmann: Dann wünsche ich, egal, was Sie wählen, Ihnen auch noch viel Freude in Irland und Danke schön für dieses kleine Gespräch mit dem Konzeptionskünstler Jochen Gerz, danke schön, Herr Gerz! Gerz: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/europa-vor-der-wahl-nationen-sind-ein-bisschen-eng.954.de.html?dram:article_id=287004

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